Neue Gesetzgebung zur Grünen Gentechnik vorgesehen

Die EU will die Grüne Gentechnik neu regeln. Ob gentechnisch veränderte Pflanzen die Landwirtschaft revolutionieren oder ein Risiko für die natürliche Umwelt sind- darüber wird seit vielen Jahren gestritten.

Kann es einen Kompromiss geben?

Was die genetische Forschung weiß: Wenn die Umwelt sich nicht verändert, dann sind die einzelnen Nutzpflanzen bereits nah am Optimum. Dass man da einzelne Gene findet, die einen großen Effekt auf den Ertrag haben, ist höchst unwahrscheinlich. Aber wenn sich die Umwelt sehr schnell verändert, und eine Pflanze auf einmal sehr weit weg vom Ertragsoptimum ist, kann eine Veränderung in einem einzelnen Gen einen großen Unterschied machen.

Der Klimawandel schreitet immer schneller voran.

Möglicherweise stoßen wir mit den allmählichen Verbesserungen, die die Pflanzenzüchtung normalerweise hervorbringt, an Grenzen.

Wir wissen aus der Ökologie: Wenn ein neuer Organismus in die Umwelt gelangt, sind die Effekte komplett unvorhersagbar. Um dies zu erforschen, müsste man also eine große Menge dieser Pflanzen ins Freiland bringen. Das wäre die aussagekräftigste Risikoanalyse. Sollte man dann feststellen, dass es tatsächlich ein Risiko gibt- dann kann man die Pflanzen nicht zurückholen. Darum kommt die Risikoanalyse meist aus der Petrischale heraus. Eine Annäherung wäre, wenn man von der Petrischale zum Gewächshaus gehen und die Pflanzen dort verschiedenen Bedingungen aussetzt. Doch das wird wenig gemacht. Die aktuelle Risikoanalyse bewegt sich auf dem Level der Gene an sich und beruht auf dem Wissen, das man über Kulturpflanzen hat. Es gibt keine einzige Studie, die überprüft hat, ob sich auf unterschiedliche Weise entstandene Pflanzen wirklich gleich verhalten.

Kulturpflanzen können ökologischen Schaden anrichten, egal ob sie konventionell gezüchtet wurden oder durch Genom-Editierung.

Es lässt sich viel aus der Invasionsforschung ableiten.  Im Grund geht es hier um neue Organismen in der Umwelt, egal woher sie kommen und wie sie entstanden sind. Die Frage ist, wie aggressiv sich neue Organismen ausbreiten können. Es gibt auch noch andere Aspekte: Was passiert, wenn fehlangepasste Pflanzen in die Wildnis gelangen? Die Pflanzen, die auf dem Acker stehen, sind für den Acker gemacht. Wenn sie in die Natur gelangen, geht es ihnen meist nicht so gut. Aber wenn sie sich dort mit Wildpflanzen kreuzen, kann das negative Folgen haben.

Ein Beispiel für dieses Problem ist keine Pflanze, sondern ein Fisch. Wenn sich Zuchtlachse mit Wildlachsen kreuzen, ist das für die wilde Population eine Katastrophe. Das ist ein super Beispiel für sogenannte „outbreeding depression“, eine Auskreuzungsdepression.

Dafür bedarf es in der Umgebung Kreuzungspartner. Mais hat in Europa keine verwandte Art., mit der er sich kreuzen kann. Aber es werden zum Beispiel auch neue Pappelsorten zur Erzeugung von Bioenergie gezüchtet. Bei einer Pappel ist die Auskreuzung mit Wildbäumen gewiss.

Je weniger über einen Organismus bekannt ist, umso höher ist das Risiko, dass man durch einen genetischen Eingriff Schaden anrichten kann. Es braucht eine gute Art der Risikoanalyse. Welche Veränderungen haben wir im Genotyp und im Phänotyp? Welche Effekte ziehen diese nach sich? Das gesamte System muss betrachtet werden. Ein Beispiel könnte die genetische Veränderung an den Blättern der Bäume sein. Das Vorhaben, die Verdunstung zu verändern und damit den Wasserverbrauch würde auch evtl. Einfluss auf die Umsetzung von CO² nehmen.

Wir brauchen die Molekularbiologen nicht allein und auch die Ökologen nicht allein. Eine Zusammenarbeit beider Wissenschaften wäre zielführend.

Die Neuregelung des Gesetzesvorschlages zur Regulierung der Grünen Gentechnik beinhaltet alle Pflanzen.

Die Nutzung der Grünen Gentechnik sollte auf landwirtschaftliche Anwendung eingegrenzt werden. Das steht wohl auch derzeit im Fokus der meisten Menschen. Wenn die Landwirtschaft das vorrangige Ziel ist, sollten Wildpflanzen im Gesetzesvorschlag ausgenommen werden. Der Hintergedanke ist vermutlich, dass wir noch nicht wissen, welche Pflanzen in Zukunft noch domestiziert werden können. Also sind vorsorglich alle eingeschlossen worden. Besser wäre es wohl die Regeln auf die Landwirtschaft zu beschränken und zukünftige Ackerpflanzen dann einzuschließen, wenn sie relevant werden.

Das Wildpflanzen manipuliert und in die Wildnis gepflanzt werden, das sollte auf keinen Fall erlaubt werden. Das würde verhindern das unkontrolliert genetische Veränderungen, auch an invasiven Arten, vorgenommen werden könnten.

Eine Vernichtung in gewünschten Bereichen könnte in Herkunftsländern unabsehbare Folgen haben.
Die Büchse der Pandora wäre geöffnet.

Quelle:
Spektrum der Wissenschaft, 11/25
Zitiert aus der Diskussion von:
Pflanzengenetiker Detlef Weigel, Direktor am Max-Planck-Institut für Biologie in Tübingen.
Katja Tielbörger, Professorin für Vegetationsökologie an der Eberhard-Karls-Universität, Tübingen