Der Harz und sein höchster Berg

Auch in diesem Jahr wollte ich wandern. Mein Ziel sollte der Harz sein. Mir schwebten Bilder vor, wie ich den höchsten Berg, den Brocken, erwandern würde. Wie Goethe wollte ich die Höhe von
1.141,2 m, durch schöne Fichtenwälder, bis auf die kahle Spitze erklimmen.

Doch erstens kommt es anders und zweitens als man denkt…

Im Vorfeld hatte ich mich mit der Landschaft, der Geschichte und den örtlichen Gegebenheiten auseinandergesetzt. Viele interessante Informationen sammelten sich im Verlauf der Vorbereitung an. So erfuhr ich, dass der Name Harz aus dem Mittelalter stammt und von dem Wort Hart („Bergwald“) abgeleitet wurde. Der Harz ist das höchste Mittelgebirge Norddeutschlands. Der Brocken ist sein höchster Berg, der Gipfel liegt in Sachsen-Anhalt. Der Harz liegt im Schnittpunkt von 3 Landesgrenzen: Niedersachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt. Tief eingeschnittene Täler mit wilden Flussläufen, artenreiche Fauna und Flora, ausgedehnte Wälder, teils landwirtschaftlich genutzte Hochflächen, sowie Stauteiche und Stauseen finden wir in Harz. Ein Wander- und Wintersportgebiet, das auch den Nationalpark Harz enthält.

Hier gibt es viele UNESCO-Weltkulturerbestätten wie Goslar, Quedlinburg, die Lutherstadt Eisleben, den Rammelsberg sowie das Oberharzer Wasserregal.

Höhenschwerpunkt bildet der Hochharz, um den Brocken herum. Alle hohen Gipfel über 800 m sind enthalten, insbesondere den Wurmberg 971,2m, bei Braunlage. Zusammen mit dem Ober- und Unterharz ist das Gebirge 110 km lang und nur 30 – 40 km breit.

Der Nationalpark Harz ist 247,32 km² groß und besteht aus Meeresablagerungen (Tonschiefer, Grauwacke, Kalkstein), also auch aus Gesteinen magmatischen Ursprungs. Der Klimawandel lässt sich auch auf dem Brocken feststellen. So wurde eine Erwärmung um 1 Grad in den letzten 100 Jahren
gemessen.

Lukrativer Silberbergbau im Oberharz, zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert, führten zu umfangreichen Veränderungen der Flüsse und Quellgebiete von: Innerste, Oker, Oder und Söse. Das Oberharzer Wasserregal mit 143 kleinen Talsperren, die zu einem großen Teil noch heute in Betrieb sind, prägen nicht nur die Gewässer, sondern die gesamte Landschaft im Westharz. Zu den Oberharzer Teichen gehört die älteste, noch in Betrieb befindliche Talsperre Deutschlands, der Oderteich. Die Teiche und Gräben stehen seit 1977 unter Denkmalschutz und wurden ab 2010 als UNESCO-Weltkulturerbe anerkannt. Auch im Unterharz existieren längst aufgegebene Gräben und trockene Teich. Die erhaltenen Teile davon wurden 1991 als Flächendenkmal Unterharzer Teich- und Grabensysteme unter Schutz gestellt. Teile der Anlage können bis ins Jahr 1320 zurückverfolgt werden. Sie alle waren besonders wichtig für den Silberbergbau.

Zur Trinkwassergewinnung und Stromerzeugung wurde ein System von 16 Talsperren im Harz errichtet.

Vom Harzrand bis ca. 700m Höhe dominieren Buchenwälder. Rotbuche, Stieleiche, Traubeneiche, Bergahorn, lichtbedürftige Pioniere wie Eberesche, Hänge-Birke und Salweide wachsen durch das zunehmende Kontinentalklima. Die Rotbuche wird zugunsten von Traubeneichen-Mischwäldern verdrängt. In höheren Lagen, von etwa 800 m bis zur Waldgrenze bei 1.000m Höhe gedeihen Fichtenwälder. Hohe Luftfeuchtigkeit ist die Ursache für eine reiche Moos- und Flechtenfauna, Wollreitgras-Fichten Wälder dominieren häufig die Felsen- und Blockhalden, die Extremstandorte der Vegetation. Der Erdmangel lässt nur schwachwüchsige, sehr licht stehende Block-Fichtenwälder mit Heidelbeeren, Moosen, Farnen und häufig auch  Preiselbeeren zu.

Noch bis vor wenigen Jahren, sind in den landwirtschaftlich Flächen  des Westharzes, vorwiegend Monokulturen von Fichten anzutreffen. Bedingt auch durch die Bergbaugeschichte der Harzregion. Die Kahlschläge, durch die britische Besatzungsmacht nach dem 2. Weltkrieg (Reparation Zahlung), konnten Ende der 1940 Jahre nur mit Fichtenanpflanzung kompensiert werden.

Monokulturen begünstigen allerdings den Borkenkäferbefall, insbesondere wenn die Bäume durch andere Stressfaktoren geschwächt werden. Nach dem Orkan Frederike, der Rekorddürre im Jahre 2018 und den darauffolgenden Jahren, kam es zu einer Massenvermehrung der Borkenkäfer. Als Folge starben 30.000 Hektar Fichtenwald ab. Das vermehrte Anpflanzen von Mischbaumarten soll den zukünftigen Wald Klima- und Schädlingsresistent machen.

Der Versuch der Lebensraumverbesserung, Förderung von störungsarmen Ruhezonen hat Flora und Fauna gutgetan. So sind der Luchs, Schwarzstorch und Auerhuhn zurückgekehrt.

Neben Heinrich Heine war besonders Goethe und sein Wirken im Harz  eindrücklich. Sein Besuch im Silberbergwerk im Rammelsberg, Beobachtungen am Brockengestein, fanden Einlass in seine geologischen Forschungen. So fand auch die Walpurgisnacht (Hexenfest) im „Faust“ und in der Ballade „Die erste Walpurgisnacht“, durch ihn eine große Verbreitung und trug zum Blocksberg-Mythos  bei. Mit der Bezeichnung Blocksberg ist hier der Brocken gemeint.

Die Walpurgisnacht ist am 30. April auf den 1. Mai. Der Mythos von auf Besen fliegenden Frauen, die sich zum Tanz mit dem Teufel trafen, zog sich ab dem 14. Jahrhundert durch die Geschichte. Bis ins Mittelalter galt der 1. Mai als Tag der Heiligsprechung der heiligen Walburga und wurde gefeiert. Als Tanz in den Mai hat er wegen der Gelegenheit am Vorabend des arbeitsfreien Maifeiertags auch als weltliches Festereignis Eingang gefunden.

1890 legte Albert Peter den Brockengarten an, der erste Alpenpflanzengarten auf deutschen Boden.

1899 erfolgte die Inbetriebnahme der Brockenbahn, schon damals gab es starke Bedenken der Naturschützer.

Nach dem 2. Weltkrieg, auf der Potsdamer Konferenz, wurde die Neuordnung Deutschlands besprochen. Die beiden östlichen Drittel des Harzes und der Brocken wurden im Juli 1945 von sowjetischen Truppen besetzt. Durch das westliche Drittel des Harzes verlief von 1949-1990 die Innerdeutsche Grenze. Das Brockenplateau und weitere grenznahe Gipfel waren militärisches Sperrgebiet.

Der Tourismus zum Brocken ist seit der Aufhebung der Grenze intensiv geworden. Eine Million Menschen besuchen jährlich die Brockenkuppe, das ehemalige Sperrgebiet.

Dieser Bereich wurde Teil des Grünen Bandes Deutschland und gleichzeitig integriert in den Harzer Grenzweg.

Mit meinem frisch erworbenen Wissen reiste ich nach Wernigerode. Hier wollte ich für einige Tage Urlaub machen, um auf den Brocken und in der Umgebung zu wandern.

Doch täglich hatten wir zwischen 37-39 Grad im Schatten. Die Wege zum Brockengipfel lagen überwiegend in der Sonne. An toten Fichtenwäldern vorbei hätte ich über Stunden in der Sonne wandern müssen. Das wollte ich mir nicht antuen, deswegen kaufte ich mir ein Bahnticket. Die alte Dampflock durfte nicht fahren, der Funkenflug hätte in der ausgetrockneten Landschaft ein Feuer entfachen können.  Eine Diesellock musste einspringen. Für 2 Stunden (1Fahrt) hatte ich ein Fenster ganz für mich allein. Den Kopf im angenehmen Fahrtwind konnte ich die Landschaft auf mich wirken lassen.

Die abgestorbenen Fichten, die ganze Hügel bedeckten, drückten bei mir erheblich die Stimmung. Inzwischen war ein junger Mischwald dabei den Platz der Fichten einzunehmen. Noch dominierten die abgestorbenen Bäume.

Alles was ich über Flora und Fauna gelesen habe konnte ich sehen. Auch moorige Bereiche mit Wollgras und Heidelbeere. Schön waren große Bereiche mit blühendem Fingerhut. Je weiter man sich

dem Gipfel näherte, wurden Blockhalden und Gestein sichtbar. Der Gipfel selber ist eine kahle Fläche. Hier befinden sich einig Gebäude, ein Museum, Touristenimbisse und  Antennen. Große Grasflächen die man nicht betreten durfte, hier wurde die ganz besondere Flora dieses Plateaus geschützt. Ein Rundweg und schon bald hatte man alles Wichtige gesehen. Der Alpengarten konnte nur mit einer Führung betreten werden, die leider an diesem Tag ausfiel. Die Mitreisenden drängten sich in den wenigen Schattenplätzen und gaben sie bis zur Zugabfahrt auch nicht wieder frei.

Nach einer Stärkung war auch ich froh mit dem Zug den Berg zu verlassen.

Die Wirklichkeit hatte meine Vorstellungen eingeholt: keine Wanderung, kein romantischer Fichtenwald.

Jetzt würde ich den Ort Wernigerode erkunden. Oder sollte ich zum Rammelsberg fahren, oder nach Goslar, nach Quedlinburg?

Ist aufgehoben nur aufgeschoben? Mal sehen!

MO